Warum Reformen im deutschen Spitzensport so selten zu Konsequenzen führen
DSINA grüßt euch,
Teil 1 dieser Analyse zeigte, dass die zahlreichen Übungsabbrüche bei den Deutschen Meisterschaften im Trampolinturnen in Hannover nicht als isoliertes Wettkampfereignis betrachtet werden können. Ähnliche Probleme waren zuvor bereits bei Weltcups und Europameisterschaften sichtbar geworden. DSINA hatte über Jahre hinweg auf Defizite bei technischer Qualität, Übungsstabilität, Kaderkriterien, internationaler Konkurrenzfähigkeit und der Bewertung von Bundesstützpunkten hingewiesen.
Damit stellt sich eine größere Frage. Ein sportliches Problem wird zu einem Governance-Problem, wenn es über längere Zeit sichtbar bleibt, durch Ergebnisse bestätigt wird, öffentlich finanzierte Strukturen betrifft – und trotzdem keine nachvollziehbare Korrektur erfolgt.
Genau hier liegt die Verbindung zwischen dem deutschen Trampolinturnen und der Entwicklung des gesamten deutschen Spitzensports: Deutschland leidet nicht unter einem Mangel an Reformen. Es leidet unter einem Mangel an erkennbaren Konsequenzen.
Reformen entstehen nicht, weil alles funktioniert
Die Spitzensportreform von 2016 entstand vor dem Hintergrund sinkender Medaillenzahlen, unklarer Förderentscheidungen und der Erkenntnis, dass öffentliche Mittel stärker nach Potenzial, Erfolg und Wirksamkeit vergeben werden müssten. PotAS sollte Sportarten anhand ihrer Strukturen, Potenziale und Erfolgsaussichten bewerten; Zielvereinbarungen, Controlling und eine konzentriertere Förderung sollten die internationale Konkurrenzfähigkeit erhöhen.
Der Grundgedanke war nachvollziehbar. Förderung sollte nicht mehr überwiegend aus Tradition oder institutioneller Gewohnheit erfolgen. DSINA stellte jedoch bereits 2021 die entscheidende Frage: Wie können Leistungen über Jahre zurückgehen, obwohl Zielvereinbarungen, PotAS-Bewertungen und regelmäßiges Controlling existieren?
Daten sind notwendig, aber Daten sind noch keine Steuerung. Entscheidend ist, was geschieht, wenn sie zeigen, dass Ziele verfehlt werden. Folgt keine sichtbare Veränderung, wird Analyse zum Verwaltungsritual. Der Verband verweist auf PotAS, PotAS auf seine Methodik, der DOSB auf die Autonomie des Fachverbandes und der Bund auf die sportfachliche Zuständigkeit des organisierten Sports. Am Ende waren alle beteiligt – aber niemand eindeutig verantwortlich.
Für die Öffentlichkeit blieb deshalb häufig unklar: Welche Ziele wurden konkret vereinbart? Welche wurden verfehlt? Welche Ursachen wurden festgestellt? Welche Programme, Standorte, Methoden oder Führungsstrukturen wurden daraufhin verändert? Und wann wurde die Wirkung dieser Veränderungen erneut überprüft?
Eine Bewertung ist nur so wirksam wie die Konsequenz, die aus ihr gezogen wird. Der Hinweis, eine Sportart sei bewertet worden, beantwortet nicht die Frage, ob die Bewertung zu einer Verbesserung führte.
Die neue Spitzensport-Agentur: neues Organ, alte Gefahr
Am 10. Juli 2026 nahm der Deutsche Bundestag den Entwurf des Sportfördergesetzes an. Das Gesetz soll die Spitzensportförderung des Bundes auf eine gesetzliche Grundlage stellen und sieht eine Spitzensport-Agentur als zentrale Stelle für Förderung und sportfachliche Steuerung vor.
Das kann ein Fortschritt sein. Klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare Entscheidungen, einheitlichere Verfahren und unabhängige Expertise sind notwendig. Aber eine neue Institution schafft noch keine neue Leistungskultur.
Die Agentur wird daran zu messen sein, ob sie zwischen formal vorhandenen Strukturen und tatsächlichem sportlichem Output unterscheidet. Sie muss offenlegen können, welche sportartspezifischen Leistungsindikatoren gelten, wie Bundesstützpunkte bewertet werden, was bei wiederholter Zielverfehlung geschieht und ob Personal- und Führungsfragen tatsächlich einbezogen werden.
Unabhängigkeit darf dabei nicht nur im Namen stehen. Wenn Organisationen, die Fördermittel erhalten und Leistung verantworten, starken Einfluss auf das Organ besitzen, das diese Förderung steuern und überprüfen soll, entsteht ein strukturelles Spannungsverhältnis. Beteiligung des Sports ist notwendig; Kontrolle verlangt jedoch transparente Regeln, den Umgang mit Interessenkonflikten und externe Überprüfungsmöglichkeiten.
Die Gefahr besteht nicht darin, dass die Agentur nichts tut. Die größere Gefahr ist, dass sie viel analysiert, verwaltet und dokumentiert, ohne eine klare Verantwortungskette zu schaffen. Dann wäre das alte Problem nicht gelöst, sondern neu organisiert.
Mehr Geld ist kein Ersatz für Wirkung
International konkurrenzfähiger Spitzensport benötigt qualifizierte Trainer, moderne Trainingsstätten, Sportwissenschaft, medizinische Betreuung, internationale Wettkämpfe und eine verlässliche Nachwuchsförderung. Doch die Höhe der Förderung darf nicht von ihrer Wirksamkeit getrennt werden.
Mehr Geld für ein ineffektives System kann bestehende Strukturen stabilisieren, ohne ihre Arbeitsweise zu verbessern. Deshalb muss jede zusätzliche Förderung mit messbaren Zielen, benannten Verantwortlichen, einem überprüfbaren Zeitraum und vorher bekannten Konsequenzen bei erneuter Zielverfehlung verbunden sein.
Öffentliche Förderung ist kein Anspruch auf dauerhafte Bestandssicherung. Sie ist ein Auftrag.
Nicht zu hart, sondern zu folgenlos
An dieser Stelle ist eine Klarstellung notwendig: Diese Analyse erhebt für das deutsche Trampolinturnen keinen Vorwurf brutaler Trainingspraktiken oder systematischen Athletenmissbrauchs. Das entspricht nicht meiner Erfahrung und erklärt die beobachtete Leistungsentwicklung nicht.
Das Problem liegt eher am anderen Ende: in einer zu unverbindlichen Leistungskultur. Freude am Training ist wichtig; sie darf aber nicht an die Stelle einer sichtbaren gemeinsamen Strategie, eines methodisch aufgebauten Entwicklungsweges und verbindlicher Zwischenziele treten. Wer Spitzenleistung öffentlich finanziert vorbereitet, muss Grundanforderungen definieren und überprüfen: technische Beherrschung, Übungsstabilität, das sichere Absolvieren von zehn Übungsteilen, internationale Anschlussfähigkeit und das Erreichen festgelegter Qualifikationsnormen.
Werden selbst solche Basisziele wiederholt verfehlt, ohne dass Programme, Trainingsinhalte, Nominierungen oder Kaderstatus nachvollziehbar überprüft werden, entsteht ein System der Folgenlosigkeit. Es bietet Förderung, Trainingsstätten, Reisen, Ausrüstung, institutionellen Status und Schutz – aber verbindet diese Vorteile nicht erkennbar mit einer entsprechenden Leistungspflicht.
Rechenschaft gilt deshalb nicht nur für Funktionäre. Sportdirektion, Bundestrainer, Bundesstützpunkte, Heimtrainer und Athleten tragen unterschiedliche, aber benennbare Verantwortung. Athleten sind nicht bloß Objekte des Systems. Wer dessen Unterstützung annimmt, muss sich ebenfalls verbindlichen Entwicklungs- und Leistungszielen stellen. Werden Ziele nicht erreicht, müssen Gründe geprüft, Arbeitsweisen verändert und Entscheidungen neu getroffen werden. Ein leistungsorientiertes System darf Misserfolg erklären; es darf ihn nicht folgenlos verwalten.
Institutionelles Schweigen
Wenn Verantwortliche auf sachlich formulierte Fragen nicht antworten, beweist das nicht automatisch, dass sie keine Argumente besitzen. Schweigen wird jedoch relevant, wenn konkrete Fragen zu öffentlich finanzierten Strukturen gestellt wurden, eine Eingangsbestätigung erbeten wurde und selbst nach Erinnerung keine fachliche Stellungnahme erfolgt.
Eine Organisation muss Kritik nicht zustimmen. Eine Sportdirektion sollte aber erklären können, wie Leistung definiert wird, wer Ergebnisse auswertet, wie Fehlentwicklungen erkannt werden und welche Konsequenzen folgen. Bleiben solche Fragen dauerhaft unbeantwortet, ist das mehr als enttäuschende Kommunikation. Die Öffentlichkeit kann dann nicht erkennen, wie Verantwortung innerhalb des Systems funktioniert.
DSINA als dokumentierte Chronologie
DSINA hat inzwischen mehr als 60 Blogs und über 45 Podcasts veröffentlicht. Der Wert dieses Archivs liegt nicht allein in seinem Umfang, sondern in der zeitlichen Reihenfolge. Die Publikationsdaten zeigen, welche Probleme wann erkannt, welche Warnungen ausgesprochen, welche Reaktionen sichtbar und welche Entwicklungen später eingetreten sind.
Damit wird DSINA zu einer dokumentierten Chronologie. Es hält sportliche Ergebnisse, institutionelle Sprache, Reformversprechen, Führungsentscheidungen, Kritik, Schweigen und wiederkehrende Muster fest. Die Kritik wurde nicht nachträglich an spätere Ereignisse angepasst. Viele Fragen wurden gestellt, bevor die späteren Misserfolge eintraten.
Aus dieser Dokumentation entstand die Verbindung zu Two Faces of Time. DSINA beschreibt, was geschah und welche Strukturen beteiligt waren. TFoT überführt die Erfahrungen von Zeit, Schweigen, geteilter Verantwortung und dem Auseinanderfallen von Anspruch und Wirklichkeit in eine eigenständige visuelle Sprache. Gemeinsam bilden beide Projekte eine zeitgeschichtliche Dokumentation in Wort, Ton, Bild und persönlicher Zeugenschaft.
Strukturelle Erinnerungslosigkeit
Vielleicht liegt das tiefste Problem des deutschen Spitzensports nicht im fehlenden Wissen, sondern im fehlenden institutionellen Gedächtnis. Nach einem Misserfolg wird analysiert, ein Bericht erstellt, eine Maßnahme angekündigt und eine Bezeichnung geändert. Einige Jahre später treten ähnliche Probleme erneut auf und werden behandelt, als seien sie neu.
Frühere Warnungen, Zielverfehlungen, Reformversprechen, Zuständigkeiten und Maßnahmen verschwinden in Akten, Sitzungen und Organisationswechseln. So kann jede neue Führung von vorn beginnen, jede Reform sich als Neubeginn präsentieren und jeder Misserfolg erneut als unerwartet gelten.
DSINA wirkt dieser Erinnerungslosigkeit entgegen. Das Archiv hält fest:
Es war bekannt. Es wurde beschrieben. Es wurde gewarnt. Es geschah trotzdem.
Was ein lernfähiges System jetzt tun müsste
Der deutsche Spitzensport benötigt keine weitere allgemeine Bekenntniserklärung, sondern eine überprüfbare Verantwortungskette:
- Öffentliche Ziele: Verbände und Bundesstützpunkte legen ihre internationalen Entwicklungsziele offen.
- Klare Leistungsindikatoren: Technische Entwicklung, Wettkampfstabilität, Finalquoten, Nachwuchsübergang und internationale Konkurrenzfähigkeit werden messbar bewertet.
- Benannte Zuständigkeiten: Es ist erkennbar, wer für Training, Nominierung, Standortentwicklung und Zielkontrolle verantwortlich ist.
- Unabhängige Evaluation: Institutionen beurteilen ihre eigene Wirksamkeit nicht ausschließlich selbst.
- Konsequenzen: Bei wiederholter Zielverfehlung werden Programme, Methoden, Personal, Kaderentscheidungen oder Strukturen tatsächlich verändert.
- Schutz sachlicher Kritik: Probleme können ohne institutionelle Nachteile benannt werden.
- Institutionelles Gedächtnis: Frühere Ziele, Warnungen, Bewertungen und Maßnahmen fließen verbindlich in spätere Entscheidungen ein.
Schlussfolgerung: Es fehlte nicht an Reformen
Der deutsche Spitzensport hat PotAS geschaffen, Förderlogiken verändert, ein Sportfördergesetz beschlossen und eine Spitzensport-Agentur vorgesehen. Das sind bedeutende Schritte. Keiner davon ist jedoch für sich ein Beweis für Verbesserung.
Die entscheidende Frage lautet nicht, welche neuen Institutionen geschaffen wurden. Sie lautet: Werden Erkenntnisse endlich zu Entscheidungen, Entscheidungen zu Verantwortung und Verantwortung zu Konsequenzen führen?
Die Verantwortlichen können DSINAs Analysen zurückweisen, andere Daten vorlegen oder auf Verletzungen, internationale Konkurrenz und lange Entwicklungszeiten verweisen. Das kann legitim sein. Nicht mehr überzeugend ist jedoch die Darstellung, die Probleme seien plötzlich und unerwartet entstanden.
Die Warnungen waren vorhanden. Die Ergebnisse waren sichtbar. Die Fragen wurden gestellt. Was zu häufig fehlte, waren nachvollziehbare Antworten und überprüfbare Konsequenzen.
Es geht nicht darum zu behaupten, DSINA habe immer recht. Es geht um die Bereitschaft eines öffentlich finanzierten Systems, überprüfbare Kritik aufzunehmen, sachlich zu beantworten und sichtbar daraus zu lernen.
Ein System, das wiederkehrende Warnungen ignoriert, nach dem nächsten Misserfolg eine weitere Reform ankündigt und anschließend zu bekannten Gewohnheiten zurückkehrt, dokumentiert keine Lernfähigkeit. Es dokumentiert seine strukturelle Erinnerungslosigkeit.
Und deshalb gilt auch zehn Jahre nach der ersten großen Reform weiterhin:
Dabei sein ist nicht alles.
Mit sportlichen Grüßen
David Pittaway
Sportwissenschaftler
Ehemaliger Bundestrainer und Teamchef Trampolinturnen
Herausgeber von DSINA – Dabei Sein Ist Nicht Alles

