DSINA | DATENANALYSE WM-QUALIFIKATION 2026
DSINA · EIGENSTÄNDIGE DATENANALYSE
Acht Treffer
63 Nicht-Normen
Was 71 deutsche Einzelküren über WM-Norm, Stabilität und Auswahlverfahren zeigen
Nissen Cup · Weltcups Coimbra und Alkmaar · Deutsche Meisterschaften Hannover
Datenstand: 4. September 2026
Für die Weltmeisterschaften 2026 in Nanjing verlangt der Deutsche Turner-Bund zwei vollständige Normübungen. Auf den ersten Blick ist das ein klares Verfahren: Wer die festgelegte Mindestpunktzahl und den notwendigen Schwierigkeitswert zweimal in derselben Übung erreicht, weist seine WM-Fähigkeit nach.
Doch eine Auswahlentscheidung für eine Weltmeisterschaft darf nicht nur fragen, ob eine Leistung irgendwann zweimal gelungen ist. Sie muss auch fragen, wie häufig sie innerhalb der gesamten Wettkampfserie gelang, wie oft sie verfehlt wurde und ob sie in einer folgenden Runde erneut abrufbar war.
Genau deshalb betrachtet diese Analyse nicht nur die erfolgreichen Normübungen. Sie stellt ihnen sämtliche gewerteten oder abgebrochenen Einzelküren desselben deutschen Vergleichskreises gegenüber: beim Nissen Cup, bei den Weltcups in Coimbra und Alkmaar sowie bei den Deutschen Meisterschaften in Hannover. Das Ergebnis ist weder ein Urteil über einzelne Menschen noch eine Abwertung sportlicher Anstrengung. Es ist eine Prüfung dessen, was das Auswahlmodell sichtbar macht – und was es ausblendet.
- Was als vollständige WM-Norm zählt
Bei den Frauen müssen in ein und derselben Kür mindestens 53,000 Punkte und 12,5 Schwierigkeit erreicht werden. Bei den Männern gelten mindestens 58,500 Punkte und 17,0 Schwierigkeit. Diese vollständige Kombination muss zweimal nachgewiesen werden. Die Weltcups sind nach den DTB-Kriterien zusätzliche Nachweismöglichkeiten für die entsandten Teilnehmenden.
Für das Ranking werden die zwei besten Übungen berücksichtigt, die beide Mindestanforderungen erfüllen. Übungen unterhalb der Norm senken diesen Rankingwert nicht. Das Verfahren dokumentiert damit, dass eine Mindestleistung zweimal möglich war. Es beantwortet jedoch nicht automatisch die zweite leistungsdiagnostische Frage: Wie zuverlässig war sie abrufbar?
Der Begriff „Nicht-Norm“ wird in dieser Analyse bewusst eng verwendet. Er bezeichnet ausschließlich einer Kür, in der Endpunktzahl und Mindestschwierigkeit nicht gleichzeitig erreicht wurden. Darunter können ein knapper Punktabstand, eine zu geringe Schwierigkeit oder ein deutlicher Übungsabbruch fallen. Sportlich sind diese Fälle verschieden. Für den vollständigen WM-Nachweis ist das formale Ergebnis jedoch dasselbe: Die Norm wurde in dieser Kür nicht erbracht.
- Vier Wettkampfstationen ergeben ein Gesamtbild
Insgesamt umfasst die Auswertung 71 deutsche Einzelküren. Bei den drei internationalen Wettbewerben wurden alle ausgewiesenen Einzelübungen der deutschen Starterinnen und Starter erfasst. Für Hannover wurden die Übungen dieses eindeutig identifizierten WM-Vergleichskreises einbezogen. So entsteht eine gemeinsame Datengrundlage, die internationale Nachweise und die Deutsche Meisterschaft nicht getrennt voneinander erzählt.
| Wettkampf | Küren | Norm | Nicht-Norm | Normquote |
|---|---|---|---|---|
| Nissen Cup, Arosa | 14 | 1 | 13 | 7,1 % |
| Weltcup Coimbra | 14 | 2 | 12 | 14,3 % |
| Weltcup Alkmaar | 13 | 2 | 11 | 15,4 % |
| DM Hannover – Vergleichskreis | 30 | 3 | 27 | 10,0 % |
| Gesamt | 71 | 8 | 63 | 11,3 % |
Keiner der vier Wettbewerbe erreicht innerhalb dieses Vergleichskreises eine Normquote von 16 Prozent. Der höchste Wert entstand in Alkmaar mit zwei Normen aus 13 Übungen. Bei den Deutschen Meisterschaften waren drei von 30 Übungen normgerecht. Zusammengenommen stehen acht Treffer 63 Nicht-Normen gegenüber. Auf jede erfolgreiche Normübung kommen rechnerisch 7,9 Übungen ohne vollständigen Nachweis.
Diese Gegenüberstellung ist entscheidend, weil die acht Treffer ohne ihren Nenner ein anderes Bild erzeugen. Acht Normen belegen vorhandenes Leistungsvermögen. Die 63 übrigen Übungen zeigen, wie selten dieses Leistungsvermögen unter Wettkampfbedingungen vollständig umgesetzt wurde. Beide Aussagen sind gleichzeitig wahr.
- Acht Normübungen – verteilt auf fünf Personen
Die acht vollständigen Normen wurden von fünf Aktiven erzielt. Sie entstanden nicht gleichmäßig über die Saison verteilt, sondern konzentrierten sich auf wenige Personen und einzelne Wettkampfsituationen.
| Athlet/in | Wettkampf | Runde | Punkte | Schwierigkeit |
|---|---|---|---|---|
| Luisa Braaf | Nissen Cup | Q1 | 53,240 | 13,4 |
| Matthias Schuldt | Coimbra | Q1 | 59,960 | 19,6 |
| Fabian Vogel | Coimbra | Q1 | 58,600 | 18,1 |
| Aurelia Eislöffel | DM Hannover | Finale | 53,180 | 14,0 |
| Lars Garmann | DM Hannover | Q1 / Kür 1 | 59,350 | 17,0 |
| Lars Garmann | DM Hannover | Q1 / Kür 2 | 59,980 | 17,0 |
| Matthias Schuldt | Alkmaar | Q1 / Kür 1 | 58,810 | 18,1 |
| Matthias Schuldt | Alkmaar | Q1 / Kür 2 | 59,010 | 18,1 |
Matthias Schuldt erzielte drei vollständige Normen: eine in Coimbra und zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Übungen in der Alkmaar-Qualifikation. Lars Garmann erreichte beide Normen am selben Tag in der Hannover-Qualifikation. Aurelia Eislöffel, Luisa Braaf und Fabian Vogel kamen jeweils auf eine Norm.
Damit dürfen acht Normübungen nicht mit acht Qualifikationserfolgen oder fünf vollständig qualifizierten Personen gleichgesetzt werden. Nach dem numerischen Zweifachkriterium haben zum Datenstand zwei Aktive die Hürde erreicht: Garmann und Schuldt. Im Frauenbereich gelang zwar Eislöffel und Braaf jeweils eine Norm; zwei Normen erreichte keine deutsche Athletin.
- Der Nenner zeigt die unterschiedliche Stabilität
Die Personenbilanz macht sichtbar, wie verschieden die acht Treffer einzuordnen sind. Bei den Frauen stehen zwei Normen aus 31 Übungen einer Quote von 6,5 Prozent gegenüber. Bei den Männern sind es sechs Normen aus 40 Übungen beziehungsweise 15,0 Prozent. Über beide Bereiche hinweg liegt die Nicht-Norm-Quote bei 88,7 Prozent.
| Athlet/in | Küren | Norm | Nicht-Norm | Quote | 2 Normen |
|---|---|---|---|---|---|
| Aurelia Eislöffel | 7 | 1 | 6 | 14,3 % | nein |
| Aileen Rösler | 5 | 0 | 5 | 0,0 % | nein |
| Gabriela Stöhr | 4 | 0 | 4 | 0,0 % | nein |
| Luisa Braaf | 6 | 1 | 5 | 16,7 % | nein |
| Maya Möller | 7 | 0 | 7 | 0,0 % | nein |
| Christine Schuldt | 2 | 0 | 2 | 0,0 % | nein |
| Adrian Thomson | 5 | 0 | 5 | 0,0 % | nein |
| Janis-Luca Braun | 5 | 0 | 5 | 0,0 % | nein |
| Ryan Finnlay Eschke | 7 | 0 | 7 | 0,0 % | nein |
| Lars Garmann | 7 | 2 | 5 | 28,6 % | ja |
| Fabian Vogel | 8 | 1 | 7 | 12,5 % | nein |
| Matthias Schuldt | 8 | 3 | 5 | 37,5 % | ja |
| Gesamt | 71 | 8 | 63 | 11,3 % | 2 von 12 |
Zwei erfüllte Normen – aber unterschiedliche Leistungsprofile
Matthias Schuldt: drei Normen aus acht Übungen.
Seine beiden unmittelbar aufeinanderfolgenden Normen in Alkmaar sind mehr als zwei voneinander isolierte Ausschläge. Zugleich blieb er in fünf der acht erfassten Übungen unter der Norm. In der anschließenden Q2-Runde von Alkmaar erreichte er bei 17,1 Schwierigkeit 53,970 Punkte, wurde 18. und verpasste das Finale. Die Mindestleistung war vorhanden; in der nächsten Runde wurde sie nicht bestätigt.
Lars Garmann: zwei Normen aus sieben Übungen.
Beide Treffer gelangen in den zwei Qualifikationsübungen der Deutschen Meisterschaften. Seine fünf anderen Übungen blieben unter der Norm. Dazu gehören die Hannover-Finalkür mit 13,100 Punkten und die beiden Alkmaar-Übungen mit 57,330 Punkten bei 16,3 Schwierigkeit sowie 12,000 Punkten bei 3,5 Schwierigkeit. Auch hier ist die Fähigkeit nachgewiesen. Die Gesamtserie belegt jedoch noch keine wettkampfübergreifende Stabilität.
Eine Norm – und die offene zweite Hälfte des Nachweises
Aurelia Eislöffel, Luisa Braaf und Fabian Vogel besitzen jeweils eine vollständige Norm. Zusammen stehen diesen drei Normübungen 18 Nicht-Normen gegenüber. Für das Best-of-two-Ranking bleiben ihre erfolgreichen Übungen erhalten. Die übrigen Resultate haben dort keinen spiegelbildlichen negativen Wert.
Gerade hier zeigt sich, warum Nicht-Norm nicht mit pauschalem Scheitern gleichgesetzt werden darf. Vogel turnte in Alkmaar zweimal 18,1 Schwierigkeit und verfehlte mit 57,620 beziehungsweise 58,000 Punkten die geforderte Punktzahl nur relativ knapp. Das sind leistungsnahe Nicht-Normen. Braafs Alkmaar-Ergebnisse von 26,010 und 41,870 Punkten sowie Möllers 39,980 und 9,440 Punkte weisen dagegen auf deutliche Unterbrechungen oder eine große Distanz zur vollständigen Anforderung hin. Für die Diagnose macht dieser Unterschied viel aus. Für den formalen Normnachweis bleibt das Resultat in allen Fällen: nicht erfüllt.
- Die Mindestnorm ist noch keine internationale Rundenleistung
Der DTB nennt als Ziel für die Weltmeisterschaften ausdrücklich das Erreichen von Q2 und Finalleistungen im Einzel. Deshalb genügt es nicht, die Mindestnorm isoliert zu betrachten. Entscheidend ist auch, ob die Leistung im internationalen Wettkampf zu einer folgenden Runde führt und dort erneut erbracht werden kann.
| Internationaler Wettbewerb | Deutsche Q2-/Folgerundenstarts | Deutsche Einzelfinals |
|---|---|---|
| Nissen Cup | 0 | 0 |
| Coimbra | 2 | 0 |
| Alkmaar | 1 | 0 |
| Gesamt | 3 | 0 |
In den drei Weltcups gab es insgesamt drei deutsche Q2- beziehungsweise Folgerundenstarts, aber kein deutsches Einzelfinale. Eine Mindestnorm kann gelingen, ohne dass im selben Wettbewerb die nächste Runde erreicht wird; Luisa Braafs Nissen-Cup-Ergebnis ist ein Beispiel. Umgekehrt sagt die Teilnahme an Q2 noch nichts darüber aus, ob dort erneut Normniveau gezeigt wurde. In Coimbra blieben Fabian Vogel und Matthias Schuldt in der Folgerunde unter der Norm; in Alkmaar geschah dies erneut bei Schuldt.
Damit werden drei Leistungsstufen erkennbar, die nicht vermischt werden sollten: erstens die Fähigkeit, eine Mindestnorm zu erreichen; zweitens die Wahrscheinlichkeit, diese Leistung unter wechselnden Wettkampfbedingungen zu wiederholen; drittens die Fähigkeit, sie in den entscheidenden internationalen Runden abzurufen. Ein Auswahlverfahren für Q2- und Finalziele sollte alle drei Ebenen erkennbar bewerten.
- Was das Best-of-two-Verfahren zeigt – und was es nicht zeigt
Das Best-of-two-Prinzip hat einen nachvollziehbaren Zweck. Es verhindert, dass eine einzelne misslungene Übung einen Athleten endgültig aus dem Verfahren wirft. Wer zwei gültige Normen vorlegt, hat gezeigt, dass die Mindestleistung zweimal möglich war.
Das Problem entsteht dort, wo dieses Leistungsvermögen mit Stabilität verwechselt wird. Zwei Normen aus drei Versuchen und zwei Normen aus zehn Versuchen können im Ranking gleich erscheinen, obwohl sie eine völlig unterschiedliche Trefferwahrscheinlichkeit beschreiben. Ein System, das nur die besten Treffer speichert, kann aus sich heraus nicht belegen, wie belastbar die zugrunde liegende Leistung ist.
Die öffentlich zugänglichen Kriterien machen jedoch nicht transparent, mit welchem Gewicht Gesamtzahl der Versuche, Übungsabbrüche, aktuelle Form und Leistungen in Folgerunden in die abschließende Entscheidung eingehen. Genau diese Lücke ist für Außenstehende nicht überprüfbar.
- Ermessenswege brauchen eine sichtbare Begründung
Die DTB-Kriterien enthalten neben dem Ranking weitere Nominierungswege. Athletinnen und Athleten können vorgeschlagen werden, wenn sie nachweislich zur WM-Zielstellung beitragen. Unter bestimmten Voraussetzungen kann eine vierte Person ohne vollständige Einzelnorm hinzukommen. Über Ausnahmen entscheidet der Lenkungsstab. Solche Regelungen können sportfachlich notwendig sein – etwa bei Verletzungen, außergewöhnlichen Entwicklungslagen oder klaren Team- und Synchronchancen.
Je größer der Ermessensraum ist, desto wichtiger wird aber die nachvollziehbare Begründung. Eine überprüfbare Nominierungsentscheidung müsste für jede nominierte Person zumindest die Zahl vollständiger Normen, die Gesamtzahl der Versuche, erkennbare Abbrüche, die aktuelle Form, Q2- und Finalleistungen sowie gegebenenfalls den Grund einer Ausnahme zusammenführen.
Das wäre weder eine öffentliche Abrechnung mit Aktiven noch eine Veröffentlichung interner Trainingsdetails. Es wäre die sachliche Erklärung, warum eine bestimmte Ergebnisserie im Hinblick auf die formulierten WM-Ziele als ausreichend, entwicklungsfähig oder aussichtsreich bewertet wurde.
- Fazit: Der Nenner entscheidet
Die vollständige Bilanz der drei Weltcups und der Deutschen Meisterschaften enthält zwei Wahrheiten. Acht Normübungen dokumentieren vorhandenes Leistungsvermögen. 63 Nicht-Normen dokumentieren dessen begrenzte Reproduzierbarkeit innerhalb der untersuchten Wettkampfserie.
Zwei von zwölf Aktiven erreichten die numerische Zweierhürde. Keine deutsche Frau erreichte sie. In den drei Weltcups entstanden drei deutsche Q2- beziehungsweise Folgerundenstarts und kein Einzelfinale. Damit bleibt zwischen der bloßen Normfähigkeit und den vom DTB selbst formulierten Q2- und Finalzielen eine erkennbare Lücke.
Zu einer seriösen Leistungsprognose gehören Treffer und Fehlversuche, Spitzenwert und Wiederholbarkeit, Qualifikation und Leistung in der nächsten Runde.
Acht Treffer sind real
63 Nicht-Normen sind es ebenfalls.
Wer aus Ergebnissen eine verantwortbare WM-Prognose ableiten will, darf keine der beiden Seiten ausblenden.
Quellen und Berechnungsgrundlage
- DTB: Nominierungskriterien WM 2026 (PDF)
- DTB: Übersicht Qualifikationskriterien Trampolinturnen
- World Gymnastics: Offizielles Ergebnisbuch Weltcup Alkmaar 2026
- World Gymnastics: Offizielles Ergebnisbuch Weltcup Coimbra 2026
- Nissen Cup / Sporttech: Ergebnisse Frauen
- Nissen Cup / Sporttech: Ergebnisse Männer
- DTB: Die Finals 2026 – Livestream und Ergebnisse
- Offizielles Livescoring Deutsche Meisterschaft Hannover 2026
Methodenhinweis: Gezählt wurde jede in den offiziellen Ergebnislisten ausgewiesene deutsche Einzelkür des definierten Vergleichskreises. Eine Norm wurde nur anerkannt, wenn Endpunktzahl und Mindestschwierigkeit in derselben Übung erfüllt waren. Q1- und Q2-Übungen wurden als eigene Versuche gezählt. Auf Startlisten geführte Personen ohne ausgewiesenen Einzelwert wurden nicht künstlich als Kürversuch in den Nenner aufgenommen. Aurelia Eislöffel und Caio Lauxtermann wurden in Alkmaar ohne ausgewiesenen Einzelwert deshalb nicht als Versuch gezählt. Wölfe Cup und die weitere WM-Qualifikation im Oktober waren zum Datenstand noch nicht ausgetragen und sind nicht Bestandteil dieser Analyse.

