Die unbeantworteten Fragen an den DTB
Verantwortung und fachliche Auskunft im deutschen Trampolinturnen
David Charles Pittaway · 19. September 2026
DSINA grüßt euch,
wer die Entwicklung einer Sportart verantwortet, sollte erklären können, wie er ihre Ergebnisse bewertet und welche Folgerungen er daraus zieht. An diesem Anspruch messe ich den Schriftwechsel, den ich zwischen Juli und September 2026 mit Thomas Gutekunst, Vorstand Sport des Deutschen Turner-Bundes, geführt habe.
Der Austausch klärte die Zuständigkeit. Eine sportfachliche Einordnung der von mir angesprochenen Leistungsprobleme erhielt DSINA nicht. Auch meine Bitte um Weiterleitung führte zu keiner weiteren Ansprechstelle. Dieser Beitrag beschreibt den Verlauf in zusammengefasster Form und erläutert, weshalb die Fragen für mich weiterhin relevant sind. [4]
Weshalb ich nachgefragt habe
Ausgangspunkt waren die Deutschen Meisterschaften im Trampolinturnen in Hannover. Der DTB berichtete am 23. Juli 2026 selbst über zahlreiche Übungsabbrüche im Vorkampf der Männer und Frauen. Zugleich hielt sein Bericht fest, dass im Frauenfinale nahezu alle Teilnehmerinnen ihre Übungen beendeten. Beide Beobachtungen gehören zur Einordnung dieses Wettkampfs. [1]
Als Sportwissenschaftler und ehemaliger Bundestrainer weiß ich, dass ein einzelner Abbruch viele Ursachen haben kann. Eine Häufung von Abbrüchen gibt jedoch Anlass zu prüfen, ob die gewählten Übungen dem unter Wettkampfbedingungen verfügbaren Leistungsvermögen entsprachen und welche Folgerungen daraus für die Vorbereitung entstehen. Die Probleme der Wettkampfstabilität und ihre möglichen Ursachen thematisiere ich seit Jahren. Auf DSINA habe ich die Entwicklung des deutschen Trampolinturnens inzwischen in mehr als 65 Blogbeiträgen und 45 Podcasts untersucht.
Im Trampolinturnen muss eine Folge von zehn Sprüngen als zusammenhängende Übung beherrscht werden. Cheftrainerin Katarina Prokesova bewertete im DTB-Bericht zum Weltcup in Coimbra vom 5. Juli 2026 Matthias Schuldts neue, vollständig geturnte Übung mit 19,6 Schwierigkeitspunkten als Schritt in Richtung Olympia. Zugleich betonte sie angesichts zahlreicher Abbrüche die Notwendigkeit, an der Stabilität zu arbeiten. [5] Ein hoher angestrebter Schwierigkeitsgrad allein beantwortet noch nicht die Frage, wie zuverlässig die Übungen gelingen. Deshalb interessieren mich bei der Bewertung einer sportlichen Entwicklung sowohl die Schwierigkeit als auch die technische Qualität und die Wiederholbarkeit der Leistung.
Am 25. Juli wandte ich mich mit drei Fragen an die Sportdirektion: Wie wurde das Leistungsbild von Hannover bewertet? Welche Ursachen sah die Leitung? Welche Konsequenzen ergaben sich daraus für die Trainerarbeit, die Bundesstützpunkte und die sportliche Steuerung? Die Anfrage zielte auf eine fachliche Einordnung. Vertrauliche Personalunterlagen oder Gesundheitsdaten waren nicht Gegenstand meiner Bitte. [4]
Was der Schriftwechsel ergab
Nach einer Erinnerung vom 10. August bestätigte Thomas Gutekunst am 11. August den Eingang meiner Nachrichten. Er erläuterte, dass die Sportdirektion die Entwicklung plane und überprüfe und dabei interne Fachgremien einbeziehe. Als Orte der Auswertung nannte er insbesondere die Lenkungsstäbe und Trainerseminare. Wegen der Belastung durch zeitgleiche internationale Meisterschaften gab er an dieser Stelle keine inhaltliche Antwort auf meine Fragen. [4]
Daraufhin bat ich am 12. August um Weiterleitung an eine fachlich zuständige Stelle oder um Benennung einer Person, die eine institutionelle Auskunft geben könne. Am 30. August griff ich diese Bitte erneut auf. Dabei erkannte ich ausdrücklich an, dass ein Vorstand Sport nicht jede Detailfrage zu mehreren olympischen Sportarten persönlich bearbeiten kann. [4]
In seiner Antwort vom 4. September bestätigte Sportdirektor Gutekunst seine Verantwortung für die Entwicklung des Spitzensports im Trampolinturnen. Er beschrieb das Zusammenwirken mit der Cheftrainerin und dem Lenkungsstab. Seine Zuständigkeit umfasse unter anderem die Stützpunktstruktur, das Leistungssportpersonal sowie die Qualifikations- und Nominierungskriterien. Zugleich erklärte er, meine Fragen nicht weitergeleitet zu haben. [4]
Er verwies auf öffentlich zugängliche Konzepte und Kriterien sowie auf die regelmäßige interne Überprüfung der Entwicklung. Für eine Stellungnahme zu meinen grundsätzlichen Fragen fehlten ihm derzeit die Ressourcen. Eine öffentliche Diskussion hielt er zudem für keinen geeigneten Weg. Diese Gründe gehören zur Darstellung seiner Antwort. [4]
Ich beendete anschließend die gegenwärtige Anfrage. In meiner Abschlussnachricht hielt ich fest, dass eine spätere fachliche Stellungnahme weiterhin willkommen sei und bei der Berichterstattung berücksichtigt würde. Damit war der Schriftwechsel abgeschlossen. Die erbetene Bewertung der sportlichen Probleme lag DSINA zu diesem Zeitpunkt nicht vor. [4]
Welche Aussage dieser Verlauf erlaubt
Die Zuständigkeit war am Ende geklärt. Auch die Arbeitsweise der internen Beratung war in Grundzügen erläutert. Sportdirektor Gutekunst hat seine Verantwortung im Schriftwechsel ausdrücklich bestätigt. Eine Darstellung, er habe diese Verantwortung bestritten, wäre deshalb falsch.
Ebenso wenig lässt sich aus der Korrespondenz ableiten, dass es innerhalb des DTB keine Analysen gab oder dass dort niemand auf das Wettkampfgeschehen reagierte. Über deren konkrete Ergebnisse erhielt DSINA jedoch keine Auskunft. Im dokumentierten Austausch wurde auch kein späterer Antworttermin und keine andere befugte Ansprechstelle genannt. [4]
Gerade diese Unterscheidung bestimmt meine Kritik. Von außen blieb offen, wie die Verantwortlichen das angesprochene Leistungsbild erklärten und welche Entscheidungen sie daraus ableiteten. Die vorhandenen Informationen reichten aus, um die Zuständigkeit zu erkennen. Sie reichten nicht aus, um die sportfachliche Reaktion auf Hannover nachzuvollziehen.
Dieser Befund ist begrenzt, aber bedeutsam. Wer eine Entwicklung öffentlich beurteilen soll, braucht mehr als die Kenntnis darüber, in welchem Gremium sie besprochen wird. Er braucht eine nachvollziehbare Verbindung zwischen dem beobachteten Problem, seiner Bewertung und den daraus folgenden Maßnahmen.
Warum der Verweis auf interne Gremien die Frage offenlässt
Interne Beratungen sind für die sportliche Führung notwendig. Dort können Fachleute Informationen zusammenführen, unterschiedliche Ursachen prüfen und Entscheidungen vorbereiten. Nicht jede Diskussion eignet sich für die Öffentlichkeit. Der Schutz der Athletinnen und Athleten sowie berechtigte Vertraulichkeit müssen dabei gewahrt bleiben.
Die DTB-Satzung weist den Lenkungsstäben der olympischen Sportarten konkrete Aufgaben zu. Dazu gehören unter anderem Qualifikationskriterien, internationale Nominierungen und die Bewertung von Struktur- und Stützpunktkonzepten. Die Leitung liegt beim Sportdirektor beziehungsweise Vorstand Sport. Auch Wissenschaft und Athletenvertretung sind in der Zusammensetzung vorgesehen. [2]
Die Fragen von DSINA berührten somit Aufgaben, für die solche Strukturen eingerichtet sind. Ihre Existenz erklärt, wo fachliche Entscheidungen vorbereitet und getroffen werden. Welche Erkenntnisse im konkreten Fall gewonnen wurden, lässt sich daraus noch nicht ablesen.
Für mich wäre eine fachlich begründete Antwort auch dann wertvoll gewesen, wenn sie meinen langjährigen Analysen und den daraus gewonnenen Einschätzungen widersprochen hätte. Vielleicht bewertet die sportliche Leitung die Abbrüche anders. Ohne diese Information bleibt die Differenz zwischen interner Einschätzung und äußerer Beobachtung ungeklärt.
Dass Wissenschaft und Athletenvertretung formal beteiligt sind, rechtfertigt weder den Vorwurf einer fehlenden Beteiligung noch die Annahme, jede relevante Gegenposition werde dadurch bereits wirksam geprüft. Über die konkrete Arbeit dieser Beteiligten erlaubt die Korrespondenz kein Urteil. Die sachliche Frage bleibt, wie unterschiedliche Einschätzungen in die Bewertung einer sportlichen Entwicklung eingehen.
Was Transparenz im konkreten Fall leisten könnte
Der DTB hat Transparenz in seinen eigenen Grundlagen verankert. § 20 der Satzung nennt sie als Prinzip guter Verbandsführung. Die Verhaltensrichtlinien zur Integrität in der Verbandsarbeit beziehen auch externe Anspruchsgruppen ein. Ziffer 2.8 beschreibt den Dialog als Möglichkeit, deren Anliegen zu verstehen und zugleich die Gründe des Verbandshandelns zu vermitteln. [2, 3]
Derselbe Abschnitt nennt Grenzen, etwa berechtigte Interessen, Rechte Dritter und noch laufende interne Entscheidungsprozesse. Diese Einschränkungen gehören zum veröffentlichten Maßstab. Eine journalistische Anfrage ist außerdem nicht automatisch ein vereinbartes Beteiligungsverfahren. Aus den Richtlinien allein leite ich deshalb keinen individuellen Anspruch auf die gewünschte Antwort ab. [3]
Trotzdem lässt sich fragen, wie der angestrebte Austausch bei sportfachlicher Kritik von außen praktisch stattfinden kann. Die Veröffentlichung von Konzepten und Kriterien hilft dabei, die geltenden Anforderungen zu verstehen. Für meine Ausgangsfrage war zusätzlich eine Erklärung nötig, wie die Führung das konkrete Ergebnis anhand ihrer Maßstäbe einordnete.
Ein Regelwerk und die Begründung seiner Anwendung erfüllen unterschiedliche Informationsbedürfnisse. Wer die veröffentlichten Kriterien kennt, weiß deshalb noch nicht, ob ein Wettkampf aus Sicht der sportlichen Leitung den Erwartungen entsprach, welcher Handlungsbedarf festgestellt wurde oder wann die Wirkung einer Maßnahme überprüft werden soll.
Darin liegt aus meiner Sicht die Lücke in diesem Austausch. Der DTB erläuterte seine Zuständigkeit und seine Verfahren. Die Verbindung zwischen diesen Verfahren und dem angesprochenen sportlichen Befund blieb für DSINA offen.
Wie eine begrenzte fachliche Auskunft aussehen könnte
Der Hinweis auf knappe Ressourcen verdient eine ernsthafte Antwort. Ein Vorstand Sport trägt Verantwortung für mehrere Bereiche, und internationale Meisterschaften binden Zeit. Eine externe Anfrage kann keine unbegrenzte persönliche Betreuung beanspruchen. Auch die Erwartung, jede Kritik müsse sofort ausführlich beantwortet werden, wäre unangemessen.
Gerade deshalb wären überschaubare Formen der Auskunft sinnvoll. Eine kurze schriftliche Einordnung, ein benannter späterer Termin oder eine befugte Kontaktperson könnten bereits klären, wie die Anfrage bearbeitet werden kann. Falls bestimmte Inhalte geschützt bleiben müssen, ließe sich erläutern, welche allgemeinen Aussagen dennoch möglich sind. Im dokumentierten Austausch wurde ein solcher weiterer Weg nicht benannt. [4]
Für eine sportfachliche Erklärung hätte mich zunächst interessiert, ob die Leitung das Leistungsbild als erwartbare Wettkampfschwankung oder als Hinweis auf einen größeren Anpassungsbedarf bewertet. Daran könnte sich anschließen, welche Bereiche überprüft werden und anhand welcher Beobachtungen später festgestellt werden soll, ob sich die Wettkampfstabilität verbessert.
Eine Antwort dieser Art müsste keine vertraulichen Einzelbewertungen offenlegen. Sie könnte den Umfang und die Grenzen der eigenen Aussage klar benennen. Auch die Mitteilung, dass eine Untersuchung noch nicht abgeschlossen sei, wäre eine verwertbare Information, wenn zugleich erkennbar würde, wann mit einer Einordnung gerechnet werden kann.
Eine schriftliche Stellungnahme verpflichtet zudem nicht zu einer endlosen öffentlichen Debatte. Sie gibt dem Verband die Möglichkeit, seine Position zusammenhängend zu erläutern. DSINA könnte diese Darstellung prüfen, ihre Argumente berücksichtigen und kenntlich machen, an welchen Punkten weiterhin unterschiedliche Bewertungen bestehen.
Warum die sportfachliche Frage öffentlich relevant bleibt
Sportliche Ergebnisse werden öffentlich sichtbar. Die Entscheidungen, die ihre Voraussetzungen beeinflussen, sind für Außenstehende erheblich schwerer zu beurteilen. Das betrifft etwa Trainingssteuerung, Stützpunktarbeit und die Auswahl der Übungen. Wer Ergebnisse analysiert, sollte deshalb auch nach diesen Bedingungen fragen dürfen, statt die Verantwortung vorschnell allein bei den Aktiven zu suchen.
Die öffentliche Förderung des Spitzensports verstärkt aus meiner Sicht das Interesse an nachvollziehbaren Zielen und einer begründeten Bewertung ihrer Erreichung. Daraus leite ich in diesem Beitrag weder eine pauschale Offenlegungspflicht noch einen bereits festgestellten rechtlichen Auskunftsanspruch ab. Es geht um die Qualität der institutionellen Erklärung gegenüber einer interessierten Öffentlichkeit.
Ebenso wenig verlange ich, dass der DTB die Bewertungen von DSINA übernimmt. Als ehemaliger Bundestrainer bringe ich eigene Erfahrungen und fachliche Überzeugungen mit. Diese begründen meine Fragen, ersetzen aber keinen Nachweis. Eine belastbare Gegenargumentation des Verbandes könnte zeigen, an welchen Stellen meine langjährigen Analysen und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen unvollständig oder unzutreffend sind.
Dafür braucht es überprüfbare Informationen. Wenn unterschiedliche Einschätzungen nebeneinanderstehen, helfen konkrete Daten und erläuterte Entscheidungsgründe weiter. Die bloße Feststellung, dass intern geprüft werde, ermöglicht diesen fachlichen Vergleich noch nicht
Welche Erklärung weiterhin fehlt
Am Ende dieser Anfrage bleiben die sportlichen Ausgangsfragen offen. Wie wurde das Leistungsbild von Hannover bewertet? Welche Ursachen wurden festgestellt? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus, und woran soll ihre Wirkung erkennbar werden?
Die Korrespondenz rechtfertigt kein Gesamturteil über die Amtsführung von Thomas Gutekunst. Sie zeigt jedoch, dass DSINA auf diese konkreten Fragen keine fachliche Erläuterung erhielt. Das ist der Ausgangspunkt meiner Bewertung der Kommunikation, und dabei bleibe ich.
Ein Verband kann gute Gründe haben, einzelne Informationen zurückzuhalten oder eine Antwort zu verschieben. Für die Nachvollziehbarkeit seines Handelns wäre dann hilfreich, die Grenzen der Auskunft und einen möglichen weiteren Weg zu benennen. Im vorliegenden Austausch blieb dieser Weg offen.
DSINA wird die sportliche Entwicklung weiter anhand zugänglicher Ergebnisse und Unterlagen untersuchen. Eine spätere Stellungnahme des DTB wird sachlich geprüft und angemessen berücksichtigt. Sie kann die bisherige Dokumentation ergänzen, Fehler korrigieren und auch zu einer anderen Bewertung führen.
Meine Anfrage ist abgeschlossen. Mein sportfachliches Anliegen bleibt bestehen: Ich möchte nachvollziehen können, wie aus erkannten Leistungsproblemen Entscheidungen entstehen und woran sich erkennen lässt, dass diese Entscheidungen die Entwicklung verbessern.
Mit sportlichen Grüßen
David Charles Pittaway
Sportwissenschaftler
Ehemaliger Bundestrainer und Teamchef Trampolinturnen
Herausgeber von DSINA – Dabei Sein Ist Nicht Alles
Quellen und Dokumentationsgrundlage
[1] DTB: Eislöffel und Thomson gewinnen Deutsche Meisterschaft, 23. Juli 2026. Bezug auf Vorkampf und Frauenfinale. DTB-Wettkampfbericht
[2] Satzung des Deutschen Turner-Bundes, Stand 22. November 2025, insbesondere § 15 und § 20. DTB-Satzung
[3] Good Governance-Verhaltensrichtlinien des Deutschen Turner-Bundes e.V. zur Integrität in der Verbandsarbeit, Stand 9. November 2024, insbesondere Ziffer 2.8. DTB-Verhaltensrichtlinien
[4] Schriftwechsel David Pittaway/DSINA mit Thomas Gutekunst vom 25. Juli bis September 2026. Die Darstellung beruht auf der DSINA-Dokumentation dieses Austauschs. Die Antworten werden sinngemäß zusammengefasst; direkte Zitate aus den E-Mails und vollständige Nachrichten werden nicht wiedergegeben. Die Originalkorrespondenz verbleibt im DSINA-Archiv.
[5] DTB: Junge Synchron-Duos im Weltcup-Finale, 5. Juli 2026. Aussagen zur Schwierigkeit und zur Wettkampfstabilität im Einzel. DTB-Bericht aus Coimbra
Redaktioneller Hinweis
Der DTB kann die dargestellten Tatsachen und Bewertungen durch eigene Daten oder eine sportfachliche Stellungnahme ergänzen, korrigieren oder ihnen widersprechen. DSINA wird eine eingehende Stellungnahme sachlich prüfen und im Zusammenhang mit diesem Beitrag angemessen berücksichtigen.

